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Die Caravaning-Branche läuft auf Risiko-Kurs

Foto: Auto-Medienportal.Net/Michael Kirchberger

Der passende und legale Stellplatz - das ist eine wichtige Voraussetzung für den Spaß am Reisemobil.

Krise? Welche Krise? Kaum ein Wölkchen trübt den strahlend blauen Himmel der Caravaning-Branche, hat sie doch das vergangene Jahr mit sattem Plus und der absoluten Rekordzahl von rund 54.000 allein in Deutschland verkauften Reisemobilen beendet. Und auch für 2020 hat der Branchenverband CIVD (Caravaning Industrie Verband Deutschland) wieder Zuwachs vorhergesagt, wenigstens zehn Prozent soll der Absatz zulegen. Das klingt nach einem gesunden Geschäftsverlauf, wären da nicht einige Unwägbarkeiten.

Einige Stolpersteine haben sich die Hersteller selbst bereitgelegt. Die gewaltige Nachfrage nach den begehrten Häuschen auf Rädern hat zu großen Lieferengpässen geführt. Ein Rentner, dem kürzlich im Showroom beschieden wurde, dass er etwa zwölf Monate auf sein Traummobil warten müsse, antwortete resignierend: „Tja, wenn ich dann noch lebe“. Kein Anbieter will so Kunden vergraulen, zumal die sich dann möglicherweise an anderer Stelle bedienen. Die Marken aus Italien, Spanien oder Skandinavien empfangen sie mit offenen Armen.

Die Deutschen haben daher ihre Kapazitäten kräftig erhöht. Knaus-Tabbert etwa gibt an, im vergangenen Jahr 12.000 Reisemobile auf die Straßen gebracht zu haben. Bei der Hymer-Gruppe, in der man seit Fusion mit dem amerikanischen Unternehmen Thor das Tuch des Schweigens über die Absatzzahlen gelegt hat, dürften es kaum weniger gewesen sein.

Wer diese Steigerung mit Hilfe von Effizienzverbesserung, zusätzlichen Schichten und optimierter Logistik bewerkstelligen konnte, dürfte auch in Zukunft gut aufgestellt sein. Andere, die neue Produktionshallen oder gar völlig neue Werke aus dem Boden gestampft haben, könnte eine plötzliche Verschlechterung des Marktes empfindlicher treffen.

Gründe dafür, dass die Kurve nicht endlos nach oben zeigt, gibt es in der Tat zur Genüge. Nehmen wir das Beispiel Schweden. Dort hat der Fiskus die Besteuerung von Reisemobilen geändert und sie mit schweren Lastwagen gleichgestellt. Deren Halter zahlen künftig beinahe ebenso viel Steuern wie ein Brummi, der mehrere 100 000 Kilometer im Jahr auf Achse ist. Im Einzelfall bedeutet das Mehrausgaben von etwa 3000 Euro. Der Markt reagierte umgehend, in Schweden hat sich die Zahl verkaufter Reisemobile fast halbiert.

Eine andere gewichtige Entwicklung ist das Gewicht. Der Kunde verlangt immer mehr Komfort und Ausstattung an Bord. Kaum ein neues Mobil geht heute ohne Markise, Satelliten-Anlage, Klimaanlage und gerne auch Anhängekupplung auf die Reise. Alles Extras, die schwer auf die Waage drücken. Das Lieblings-Basisfahrzeug der Deutschen, der Fiat Ducato, wurde jüngst auf die geltenden Abgasgesetze abgestimmt. Das brachte einen Adblue-Tank und weitere schwere Bauteile der Abgasreinigung an Bord. Auch die neue Wandlerautomatik von ZF, die für viele jetzt trotz ihres hohen Preises als Pflichtausstattung bestellt wird, erhöht das Leergewicht in gut zweistelliger Höhe.

Wie die Anbieter damit umgehen, ist unterschiedlich. Die einen weigern sich, ein maximales Leergewicht zu garantieren, die anderen empfehlen dringend eine Auflastung über die so sehr verteidigte 3,5-Tonnen-Grenze hinaus, damit sich weder Verkäufer noch Kunde direkt oder indirekt strafbar machen.

Damit aber werden die erhöhten Mautgebühren in den Alpen-Transitländern und nicht nur bei denen fällig. Dabei stört viele nicht nur die höheren Kosten sondern auch der umständliche Umgang mit den Schwerverkehrspapieren oder der österreichischen Go-Box. Branchenkenner gehen daher davon aus, dass mindestens die Hälfte aller Reisemobile der 3,5-Tonnen-Klasse überladen auf Tour gehen. Im Falle eines Hymer-Fahrzeugs, das für vier Personen zugelassen war, lag die erlaubte Zuladung bei gerade mal 150 Kilogramm. Bei einem anderen Premium-Hersteller aus dem Schwabenland war es nicht viel mehr. Am Ende stehen viele vor der Wahl, die keine ist: Entweder, den Urlaubspartner oder die Ausrüstung zu Hause lassen. Oder am Ende doch das vermeintlich kleinere Übel einer Ordnungswidrigkeit in Kauf nehmen und 80 Euro oder einen Punkt in der Verkehrssünder-Kartei zu riskieren, wenn das Reisemobil um mehr als zehn Prozent überladen ist.

Dabei geht es im Ausland bei weitem nicht so glimpflich ab wie bei uns. In Frankreich wird bei mehr als fünf Prozent Überladung die Weiterfahrt untersagt, nebst Strafzahlung, versteht sich. Ähnliches gilt für Italien. In Österreich kommt gegebenenfalls obendrein die Bestrafung wegen unrechtmäßiger Nutzung der Autobahn hinzu. Die übliche Vignette reicht eben bei mehr als 3,5 Tonnen nicht mehr aus, schon dafür drohen 300 Euro Strafgeld.

Warum diese Gewichtgrenze außerdem wichtig ist? Wegen der veränderten Fahrerlaubnisbestimmungen, die mit Einführung des EU-Führerscheins 1999 in Kraft getreten sind. Vorher galt, dass der Inhaber des Führerscheins Klasse drei Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse fahren durfte. Die neue Fahrerlaubnis der Klasse B gestattet lediglich 3,5 Tonnen ohne Zusatzprüfung, für viele Familien ist dies ein erhebliches Hindernis. Der CIVD bemüht sich seit Jahren, den Führerschein für Personenwagen aufzulasten und seinem Besitzer das Fahren von 4,25 Tonnen schweren Reisemobilen zu gestatten. Aber die Mühlen der EU-Kommission mahlen langsam, eine schnelle Einigung zu diesem Thema ist nicht in Sicht.

Zuletzt könnte das, was Beobachter als „Erdung“ bezeichnen, das Interesse am Reisemobilurlaub schmälern. Denn viele Kunden gehören in die Gruppe der „Traumerfüller“, die sich mit dem Erreichen des Renten- oder abfindungsfähigen Alters ihren Wunsch nach der vermeintlichen Freiheit endlich erfüllen. Die Landung ist für manchen Neuling jedoch hart. Denn die beliebtesten Ziele sind an sonnigen Wochenenden oder gar während der Ferienzeiten weitgehend überfüllt. Mosel, Alpen, Elsass, selbst im Hinterland weniger attraktiver oder bekannter Ziele werden die Stellplätze knapp.

Ein Best Ager, der gerade einen gut sechsstelligen Betrag in ein Reisemobil investiert hat, wird wenig Verständnis haben, wenn er auch beim vierten oder fünften Camp wegen Überfüllung abgewiesen wird. Und sich schon an einem Freitag früh den Platz sichern und ihn dann bis Sonntagabends zu okkupieren widerspricht der Idee des mobilen Reisens in ihren Grundzügen. Ein Bestand von mehr als einer halben Million Camper auf den Straßen Deutschlands fordert eben sein Tribut.

Ob die Bemühungen des Verbandes, Städte und Gemeinden zur Errichtung geeigneter Stellplätze zu bewegen, fruchten, bleibt abzuwarten. Immerhin können die Caravaning-Lobbyisten für ihre Idee mit eindrucksvollen Zahlen werben. Rund 14 Milliarden Euro geben die Camper jedes Jahr aus, viele Orte wie Ladenburg im nördlichen Baden-Württemberg oder Gemeinden in der Pfalz haben dies erkannt und neue Angebote geschaffen oder bestehende erweitert. Die ortsansässigen Händler und Gastronomen entdecken die Reisemobil-Touristen als zahlungsfähige Zielgruppe.

Wo auch immer die Reise hingehen wird, ein Selbstläufer ist die Erfolgswelle der Caravaning-Branche nicht. Nicht nur der Verband, auch die einzelnen Hersteller sind dringend gefragt, die Attraktivität dieser Urlaubsform weiter zu steigern. Lobenswert ist da die Initiative mancher Marken. Haben sie doch nahe den eigenen Betriebsgeländen teils vollversorgte Stellplätze eingerichtet. Immerhin, ein erster Schritt. (ampnet/mk)

 

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